Der Wolf erzählt

Eines Tages lief ich durch den tiefen, dunklen Wald, um ein kleines Reh zu fangen. Als ich an die große, bunte Wiese kam, sah ich plötzlich Rotkäppchen. Ihr kennt ja alle dieses ungezogene, böse, kleine Mädchen, das alle Tiere im Walde ärgert und quält, wann es nur kann. "Rotkäppchen", fragte ich es, "was tust du hier?" - "Hau ab, du blödes Vieh, ich plücke Blumen für meine kranke Großmutter, die dir vorige Woche noch das Fell versohlt hat", schrie Rotkäppchen wütend. "Aber Rotkäppchen", sagte ich, "laß uns doch gute Freunde werden! Wir Tiere im Wald wollen immer nur lieb zu dir sein." - "Ach, was für ein blödes Geplapper, du stinkender, dreckiger Wolf! Ich hole den Jäger, damit er aus dir mit seinen Kugeln einen Sieb macht", schimpfte Rotkäppchen und stampfte vor Wut mit den Füßen auf den Boden.

"So ein freches Kind muß einen Denkzettel bekommen", dachte ich, rannte zur Großmutter und fraß sie auf. Kurz darauf lag ich als Großmutter verkleidet im Bett der Großmutter.

Plötzlich stieß Rotkäppchen die Tür auf, knallte das Körbchen auf den Tisch und brüllte los: "Meine Güte, Großmutter, wie scheußlich siehst du denn aus? Was hast du für große Elefantenohren?" - "Damit ich dich besser hören kann", murmelte ich. - Was hast du für greuliche Glotzaugen?" - "Damit ich dich besser sehen kann", flüsterte ich. "Was hast du für grausige Tatzen?" - "Damit ich dich besser packen kann", knurrte ich. "Was hast du für eine riesengroße Schnauze?" - "Damit ich dich besser fressen kann", brüllte ich und verschlang das freche Balg mit einem Happen.

Als der Jäger kam und mich schnarchen hörte, befreite er die Großmutter und das ungezogene Rotkäppchen. Zum Glück habe ich es erlaubt, daß der Jäger mir den Bauch aufgeschnitten hat. Rotkäppchen ist ein liebes Kind geworden - und deshalb erzählen manche Leute das Märchen "Rotkäppchen" ganz anders.